Der Beginn eines Neo-Franziskanismus?

Menschenzeit1Die Umwelt-Enzyklika von Papst Franziskus stellt einen Meilenstein im Umgang der katholischen Kirche mit Natur und Umwelt dar. Ich freue mich besonders darüber, weil ich bereits 2008/2009, als ich „Menschenzeit“ schrieb, über einen Neo-Franziskanismus nachgedacht und das Szenario eines „grünen Papstes“ entwickelt habe:

„Die christlichen Kirchen stehen im Zeichen des Anthropozäns aber insgesamt unter Erneuerungsdruck: Können sie ihren Glauben auf eine Weise weiterentwickeln, der Geist nicht gegen Materie und Mensch nicht gegen Natur ausspielt? Ein Schöpfungsglauben, der die evolutionsbiologischen Erkenntnisse voll verinnerlicht, hört endlos viele Schreie nach kirchlicher Fürsorge: Wo war der Papst als Staatsoberhaupt des Vatikans auf dem Klimagipfel von Kopenhagen, als die Chance bestand, einer Verätzung, Erhitzung und Verarmung der Schöpfung vorzubeugen? Was hat die Bank des Heiligen Geistes getan, als das katholische Ecuador anbot, das Erdöl unter einem der artenreichsten Regenwälder der Welt ungenutzt im Boden zu verkaufen, sodass der Wald stehen bleibt? Und wie sieht es bei den Bibeltreuen mit zeitgemäßen Verzichtsregeln aus, einem vierzigtägigen Autofasten etwa?

Nachdem die Kirchen den Verfall ihrer moralischen Autorität beklagen, müssen sie in ihrem weltweiten Filialnetz erneuerte Ideen anbieten. Schon lange ist nicht mehr die Frage, ob die Sonne sich um die Erde dreht oder die Erde um den Menschen. Jetzt steht an, wie der Mensch die Erde dreht.

Der Mensch kann bei dem Auftrag, sich die Erde untertan zu machen, „mission accomplished“ melden. Wie eine Ethik des Anthropozäns aussieht, die auf dieser neuen Lage aufbaut, müssen die christlichen Kirchen noch beantworten. Sie haben den jungen Menschen bisher kaum etwas über ihre Körper zu sagen, mit Ausnahme der restriktiven Sexuallehre, und sie haben ihnen kaum etwas über den Erdkörper zu sagen, mit Ausnahme von Allgemeinformeln. Das muss sich ändern.

Was für eine überfällige Wiedergutmachung, was für eine Erleichterung wäre es da, wenn der nächste Papst ein junger, urchristlicher Südamerikaner wäre, einer der Bischöfe der Regenwalddiözesen, die sich dort schon heute gegen den Raubbau einsetzen. Er könnte der erste grüne Papst in der Kirchengeschichte sein und die Fußspuren von Franz von Assisi fortsetzen. Er wäre jung genug, um den Vatikan, dieses Symbol von Weltferne und Erstarrung, hinter sich zu lassen.

Er lässt die Domizile zum Asyl für verfolgte Christen umbauen, gibt eine würdige Kleidung aus Goretex und ultraleichte rote päpstliche Wanderschuhe in Auftrag und begibt sich auf eine vieljährige Wanderung um die Welt. Er legt keinen Meter mit einem Papamobil zurück, sondern geht und geht, zwanzig-, dreißig- vierzigtausend Kilometer von Dorf zu Dorf, von Krisenregion zu Krisenregion, von Rodungsfläche zu Rodungsfläche, von Fischerdorf zu Fischerdorf, von Industriegebiet zu Industriegebiet, von Finanzmetropole zu Finanzmetropole. Er hört zu und spricht mit den Menschen. Er wird nie allein sein, nie Hunger haben und nie nach einem Nachtlager suchen müssen. Er schläft immer bei den Ärmsten, die ihm ein Bett anbieten. Und von unterwegs kommt Mal um Mal eine Botschaft: „Nachdem wir uns die Erde untertan gemacht haben, wie Gott es befahl, verhalte dich wie ein guter Herrscher. Stelle dein Leben in Frage. Ändere es.“

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