Eine Erd-Abhör-Station
auf dem Teufelsberg

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Zeit, die Uhren auf Futur umzustellen:
Berlins höchster menschgemachter Hügel als Maker Space der Zukunft

Von Helmut Bien und Christian Schwägerl

Berlin sucht nach Ideen für seine Zukunft. Der Weg zu Antworten könnte an den Stadtrand führen, in den Grunewald. Die weißen Kugeltürme, die das US-Militär hinterlassen hat, sind weithin sichtbar und zu einem der Wahrzeichen Berlins geworden. Wie die Überreste einer Raumstation steht die frühere Abhöranlage auf dem Teufelsberg, der 120 Meter hohen Aufschüttung, die Schicht für Schicht Geschichte in sich birgt. Wer den höchsten der Türme besteigt, bekommt einen einmaligen Blick auf die Stadt. Richtung Süden und Westen erstreckt sich, wie ein sanftes, grünes Meer, der Grunewald. Richtung Norden dominieren die Schornsteine von Spandau und Siemensstadt. Richtung Osten bietet sich ein Berliner Panoptikum sondergleichen, fast jedes bekannte Gebäude ist zu erspähen. Und dann ist da noch der Himmel über Berlin. An wenigen anderen Orten ist er so groß, so weit.
Seit dem Ende des Kalten Kriegs sind die Türme verwaist. Wo früher hunderte US-Soldaten den Funkverkehr nicht nur Berlins, sondern des gesamten Ostblocks abzuhören und zu deuten versuchten, setzte ein in der Stadt gut bekannter Prozess ein: die Verwandlung zur Ruine. Seit der Wende zog der Ort verschiedenste Menschen an. Vandalen, Künstler, Naturschützer, Immobilienentwickler, sogar einen Meditations-Guru. 2014 hat der Berliner Senat das Gelände wiederentdeckt. Es gibt Pläne, es von privaten Investoren zurückzukaufen. Aber was dann?
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Wie es weitergehen soll, das ist nach der gescheiterten Olympiabewerbung eine Frage für die ganze Stadt. Es reicht nicht, sich als Geschichts-Ort zu inszenieren und von Ruinen-, Kultur- und Partytourismus zu leben. Deshalb gehen Überlegungen des Senats, auf dem Teufelsberg eine weitere Gedenkstätte zu schaffen, für den Kalten Krieg, weit unter den Möglichkeiten. Es braucht etwas wirklich Neues und nicht mehr von Ähnlichem. In Berlin gibt es viel Vergangenheit, die nie verschwinden darf, deren Vermittlung mahnt, lehrt, fasziniert, erklärt, und dazu befähigt, die Gegenwart zu verstehen. Die Museen und Gedenkstätten der Stadt leisten fantastische Arbeit dabei, diese Vergangenheit im Gedächtnis lebendig zu halten und immer wieder neu zu befragen. Aber der Geschichte des Kalten Kriegs wird schon an anderen Orten professionell gedacht – etwa am Checkpoint Charly, am Mauermuseum und im Alliiertenmuseum.
Das Scheitern der Olympia-Bewerbung setzt nun endlich Energien frei, offen und kreativ über die Zukunft nachzudenken. Viele gute Ideen sind im Umlauf, etwa eine Offensive für IT-Professuren. Es ist Zeit für viele Zukunftsprojekte in Berlin.
Aber Zukunft kann nicht politisch verordnet werden Sie braucht exponierte, offene, analoge Orte, Platz zur Entfaltung, damit nicht nur aus der Politik, sondern auch aus der Gesellschaft heraus eigene Antworten auf drängende Fragen entstehen. Bei den drängenden Fragen sind Lokales und Globales kaum zu trennen. Die Erderwärmung, die wachsenden Konfliktherde nur wenige Hundert Kilometer gen Osten und Süden, weltweiter ökonomischer Innovationswettbewerb, neue Technologien mit ihren Möglichkeiten und Gefahren, urbane Mobilität, sozialer Zusammenhalt – all das wird auch das Leben in Berlin prägen. Im Kleinklein der Stadtpolitik kommen solche Fragen aber viel zu selten vor.
Die Stadt hat nicht erst seit der Olympia-Absage viele akute Gründe, über ihre Zukunft nachzudenken. Einer davon: Wovon und wie werden die Berliner in den kommenden Jahrzehnten leben, wie lässt sich das kreative und wissenschaftliche Potential weiterentwickeln? Dieses Potential ist groß: Ausgeprägtes Umweltbewusstsein, kulturelle Vielfalt, hohe Sensibilität bei Fragen von Überwachung und Totalitarismus, ein Zustrom von Kreativen aus aller Welt und ein Reichtum an wissenschaftlichen Institutionen bilden einen fantastischen Nährboden für Neues. Doch das schlägt sich in der Stadtpolitik noch nicht so nieder, wie es sollte. Brachflächen gibt es nicht nur in der städtischen Topographie, sondern auch bei den Ideen dazu, wie die deutsche Hauptstadt sich als Teil einer dynamischen, vielfältigen und spannungsgeladenen Welt entwickeln kann.
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Der Teufelsberg hat Bezüge zu allen diesen Herausforderungen. Von der letzten Eiszeit bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts Jahren war er ein kleiner natürlicher Hügel in einem artenreichen Waldgebiet, wo aus Mooren Methan ausströmte und sich als Irrlichter entzündete, die manche an den Teufel denken ließen. Damit ist der Hügel ein Sinnbild der Natur, die Preußens Herrscher über Jahrhunderte hinweg zu unterwerfen versuchten, ein Prozess, der heute mit problematischen Folgen weltweit weiterläuft. Dann setzten die Nazis hier den Endpunkt ihrer Germania-Träume, in Form einer nie fertiggestellten Kriegsuniversität – ein krasses Symbol ihrer aggressiven Ideologie. Die Nachkriegsberliner begruben den Bau zuerst unter Kriegsschutt, dann Müll – der Hügel ist menschgemachte Geologie, hier ist das „Anthropozän“ zu greifen, die geologische Erdepoche des Menschen, der das Haus der Kulturen der Welt, die Max-Planck-Gesellschaft und das Deutsche Museum bis Ende 2014 ein dreijähriges, vom Bundestag gefördertes Projekt gewidmet haben. Auf den künstlichen Hügel bauten die USA eine ihrer wichtigsten Überwachungsstationen – Ausdruck nicht nur jenes Kalten Kriegs von Ost und West, der heute zurückkehrt und hoffentlich kalt bleibt, sondern der Bedeutung menschlicher Kommunikation und der Fähigkeit, Informationen erdumspannend zu erfassen. Wie viele Innovationen, die unser Leben prägen, hat auch das Internet militärische Wurzeln. Sie gilt es für zivile Zwecke zu konvertieren – auch dazu könnte der Teufelsberg beitragen.
Aus unserer Sicht ist der Teufelsberg ein idealer Platz, um die Uhren in Berlin einmal auf Futur umzustellen. Der Teufelsberg könnte Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verbinden. Um das Potenzial des anthropogenen Teufelsbergs abzuschätzen, muss man nicht gleich die Kulturgeschichte auf die große Rolle von Bergen für die Inspiration absuchen, wie den Monte Verità im Tessin, wo sich Anfang des 20. Jahrhunderts Reformbewegte versammelten. Schließlich geht es nur um einen Hügel. Deshalb sei ein Blick auf einen anderen Hügel erlaubt: den Telegrafenberg im nahen Potsdam. Dort befindet sich der „Wissenschaftspark Albert Einstein“. Sein sichtbarstes Zeichen ist der „Einstein-Turm“ von Erich Mendelsohn, eine Architektur-Ikone des 20. Jahrhunderts. Von dort oben wurde die Vermessung Preußens initiiert, und der Name stammt vom allerersten Telegraphensystem ab, das Berlin einst mit Koblenz verband – ein Vorläufer der heutigen erdumspannenden Kommunikation. Auf dem Telegraphenberg arbeiten heute weltweit renommierte Wissenschaftler daran, die Folgen des Klimawandels und die neue Geologie der Erde zu verstehen. Nicht im Elfenbeinturm wird hier gearbeitet, sondern mit der klaren Ansage, sich in die Politik mit der eigenen Expertise einzumischen.
Dieser Funkspruch könnte am Teufelsberg aufgefangen und in die Tat umgesetzt werden – nicht durch eine Bebauung mit Instituten, sondern durch das organische Wachstum einer Werkstatt für ökonomische, ökologische, technologische und soziale Erneuerungsprozesse. Der Ort bietet sich zur Zukunftserforschung an – als Denk-, Diskurs-, Arbeits- und Forschungsstätte.
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Hier könnte eine Abhörstation neuen Typs entstehen: eine „Erd-Abhörstation“ oder noch besser „Zuhörstation“, die hier zusammenlaufende Botschaften aus Berlin und aus aller Welt sammelt, aufbereitet, zur Diskussion stellt, vermittelt und in Ideen verwandelt. Die derangierten weißen „Radome“ stehen bisher für Geheimhaltung und den Versuch, den Gegner möglichst komplett zu überwachen. Eine „Erd-Zuhörstation“ würde dagegen von Offenheit, Teilhabe und Dialog geprägt sein. Die Mission: Die Erde als für den Menschen alternativlosen Planeten zu verstehen und in Berlin Beiträge zu entwickeln, wie Menschheit, Natur und Technologie sich im 21. Jahrhundert positiv entwickeln können. Das Gelände könnte zu einer Explorations-Plattform für das werden, was Wissenschaftler „Anthropozän“ nennen, die Verantwortung des Menschen für die künftige Erdgeschichte. Diese Verantwortung fängt im Lokalen an und betrifft den Alltag aller Berliner, vom friedlichen Zusammenleben bis zum Umbau von Städten zu lebendigen Biotopen.
Verschiedenste Institutionen und Gruppen könnten den Teufelsberg nutzen. Allen voran ist das Haus der Zukunft zu nennen, das forschungspolitische Flaggschiff-Projekt der Bundesregierung unter Leitung des Geologen Reinhold Leinfelder. Für partizipative Formate böte das Gelände ideale Voraussetzungen. Aber auch andere wissenschaftliche und gesellschaftliche Akteure könnten sich einbringen: So könnte zum Beispiel die Europäischen Weltraumorganisation (ESA) und das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) Satellitenbilder der Erde auf den Teufelsberg übermitteln, Bilder von militärischen und ökologischen Krisenherden, aber auch positiv von Ökosystemen, die sich regenerieren oder von Entwicklungsprojekten, die Früchte tragen. Die Bilder könnten von Bürgerwissenschaftlern und gesellschaftlichen Gruppen ausgewertet, interpretiert und auf Botschaften hin untersucht werden. Mit Blick über die Stadt könnte hier, vielleicht in Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftskolleg, einer der Kunsthochschulen oder dem Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, ein temporäres Retreat für Schriftsteller, Künstler, Ingenieure, Wissenschaftler und sozial engagierte Menschen aus aller Welt entstehen, um Reflexion, Vorausschau und Dialog mit Berlinern zu ermöglichen.
Das Gelände eignet sich auch, um in Zusammenarbeit mit den Technikwissenschaften und Firmen „Maker Spaces“ einzurichten, „Reallabors“, in denen Ingenieure, Künstler, Handwerker, Designer zusammenarbeiten können. Ausgehend vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) entstehen rund um die Welt FabLabs (Fabrication Laboratories), Do-it-yourself-Stätten, die analoge Schraubenzieher, 3D-Drucker und digitalen Werkzeuge zum Programmieren und Produzieren allgemein zugänglich macht. Erste Ansätze dazu gibt es in Berlin bereits, und auf dem Teufelsberg hat eine Gruppe von Designern, Künstlern und Technikern im vergangenen Jahr Umweltsensoren entwickelt, die derzeit im Golf von Mexiko getestet werden.
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Design-Werkstatt auf dem Teufelsberg – Keimzelle für etwas Größeres?

Ideal geeignet ist der Teufelsberg auch dafür, um die menschlich stark beeinflusste Natur zu erkunden. Zusammen mit dem benachbarten Ökowerk ließen sich Heilmittel für die grassierende Krankheit des „Natur-Defizit-Syndroms“ vor allem bei Kindern und Jugendlichen entwickeln. Laien-Geologen könnten mit Experten den menschgemachten Hügel erkunden. Hier ist mit Händen zu greifen, was es heißt, wenn Anthropozän-Forscher davon sprechen, dass die „Umwelt“ immer stärker zu „Unswelt“ wird. Die ganze Entwicklung sollte schonend geschehen, der örtlichen Umwelt angepasst, ohne Massenrummel. Ästhetisch wäre das Naturschutzgebiet „Südgelände“ ein Vorbild, wo bereits Natur und Technik wunderbar koexistieren.
Mit einem Schwerpunkt bei den Themen Nachhaltigkeit und Naturverträglichkeit könnten auf dem Teufelsberg kulturelle, gesellschaftliche, technische und biologische Wissenswelten zusammengeführt werden. Eine unbezahlbare Totalsanierung ist dafür nicht nötig. Die Nutzung könnte auf die warmen Monate beschränkt werden und vor allem mit experimenteller Raumnutzung funktionieren. Vorgefertigte, systemische Architektur-Elemente wie Gewächshäuser, temporäre Container- und Zeltarchitekturen oder Jurten aus neuartigen Materialien könnten ein Forschungs-Camp bilden, das dem Bedarf folgend permanent auf- und umgebaut wird. Der Hauptturm allerdings sollte saniert werden: als ganzjährig und ganztägig sicher nutzbarer Ort für Ausblick und Ruhe. Hierher kommt man dann, um Sonnenaufgang, Sonnenuntergang, Nachthimmel und den Anblick der nächtlichen Großstadt in fast meditativer Ruhe zu erleben, oder um einfach tagsüber das 360-Grad-Panorama zu genießen.

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Wasserqualitäts-Sensor, entwickelt von Sebastian Müllauer auf dem Teufelsberg

Der Teufelsberg könnte Plattform und Knotenpunkt zwischen den Wissenschaftsinstitutionen, den in Bildung, Umwelt, Integration und Kultur Engagierten, Vermittlungsinstitutionen wie Museen und dem neuen „Haus der Zukunft“ im Regierungsviertel, den Startups, Aktivisten und der gesamten Bevölkerung werden. Um diese Transformation einzuleiten und voranzutreiben, wäre ein internationales, den ökologischen Möglichkeiten des Ortes angepasstes Science-Festival ein guter Start.
Der Teufelsberg ist ein Symbol für Themen, von denen im 21. Jahrhundert global sehr viel abhängt: können Menschen auf den Ruinen von Krieg und Gewalt dauerhaft friedlich zusammenleben? Kann vielfältige Natur auch dort existieren, wo der Mensch intensiv interveniert? Gelingt es, weltweit für einen freien Austausch von Informationen, Wissen und Kreativität zu sorgen? Entstehen rechtzeitig neue Technologien, um die schlimmsten Zukunftsrisiken, wie die globale Erwärmung, abzuwehren? Deshalb steht der Teufelsberg nicht nur für eine interessante und wichtige Vergangenheit, sondern auch für die tiefe Zukunft des Anthropozäns, dessen Verlauf maßgeblich von heutigen Entscheidungen abhängt. Es ist ein Ort, wie ihn Berlin nun braucht, als globale Hinhörstation und als Inkubator für Ideen zur Zukunft der Stadt.

Helmut M. Bien studierte an der FU Philosophie und Pädagogik und arbeitete als Reporter für den SFB Jugendfunk. 1987 gehörte er zum Leitungsteam bei den Berliner Festspielen für die Eröffnungsausstellung des Hamburger Bahnhofs (Die Reise nach Berlin). Von Frankfurt am Main aus organisierte er zahlreiche kulturhistorische Ausstellungen und erfand das erste Lichtkultur-Festival in Deutschland, die Luminale, die auch die Lichtverschmutzung zum Thema machte. Bien beschäftigt sich aktuell mit Themen der Wissenschaftskommunikation und konzipierte für die Senckenberg Gesellschaft für Naturkunde einen Kongress zur Szenografie und zur Zukunft des Museums.

Christian Schwägerl ist Buchautor, Journalist und Biologe. Der langjährige Korrespondent von FAZ und SPIEGEL arbeitet freiberuflich für GEO, das ZEIT Magazin Wissen und andere Medien. Sein Buch „Menschenzeit“ (Riemann-Verlag, 2010) beschäftigt sich mit dem Anthropozän und hat das gleichnamige Projekt am Haus der Kulturen der Welt sowie die laufende Sonderausstellung am Deutschen Museum inspiriert. Nach „11 drohende Kriege“ (C. Bertelsmann, 2012) erschien von ihm zuletzt „Die analoge Revolution“ (Riemann, 2014). In dem Buch setzt sich Schwägerl mit der Zukunft einer technisch überformten Gesellschaft und Natur auseinander.

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Besuch der „Anthropocene Working Group“ auf dem Teufelsberg, Oktober 2014

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Graffiti auf dem früheren NSA-Gelände

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