What I’m reading

-Jhumpa Lahiri, The Lowland, 2013++
-Christoph Kucklick, The Granular Society, 2014+++
-Joachim Müller-Jung, The end of disease, 2014++
S Johnson, How we got to Now, Penguin, 2014 ++
-Walter Isaacson, The Innovators, Simon&Schuster, 2014
-Richard McGuire, Here, Dumont, 2014 +++
-Bernd Heinrich, Mind of the Raven, CCC, 2006 ++
-Michel Houellebecq, Submission, Dumont, 2015 +
-Maggie Jackson, Distracted, Prometheus, 2009++
-Josef Reichholf, Ornis, C.H. Beck, 2014+
-Nick Bostrom, Superintelligence, Oxford, 2014-
-Diane Ackerman, The Human Age, headline, 2014++
-Dave Eggers, The Circle, 2014 —
-Pankaj Mishra, From the Ruins of Empire, 2013 +++
-Francois Jullien, The Silent Transformations, 2011
-Sherko Fatah, The last place, 2014, +++
-Jörg Schindler, Stadt Land Überfluss, 2014 +

Rez1jpg

Our society is not suffering from a lack of knowledge. Meaningful data and forecasts are available since many years about climate change and also about the progressing biological impoverishment of landscapes around the globe. Mainly scientists and engineers still think it is sufficient to confront society with the knowledge and the necessary changes will happen by themselves. But this notion is wrong, because our society suffers from a lack of relationship to life itself. That’s the point of Andreas of Weber’s book “Aliveness”, published by Kösel Verlag. The subtitle is: “An erotic ecology”. The word erotic made me cringe a moment. But then I asked myself, why I should keep the ubiquitous representation of semi-naked women in advertising for normal, but not the word “Erotic” in the vicinity of the word “life”. It appeared to me that my own new book (The Analogue Revolution) triggered some critics to say it has “esoteric” passages, which is a very cheap judgment. In what seems esoteric, quackery can really be contained – or a new, unfamiliar and enriching point of view. 200 years ago, somebody who spoke of electromagnetic waves would probably also have been called esoteric. Weber immediately confronts possible misunderstandings and explains his intention: the book is about the “fundamental eroticism, to be touched by the world and to touch it”. And thus he begins his “love stories”, which meander in a beautiful narrative flow between personal experiences and philosophical considerations. In the personal passages, Weber tells stories from forays along a stream in Italy, where he found sparkling crystals and from evenings on whirring meadows. There “the light of fireflies mingled with the silver dots of the heavenly bodies in space so that was impossible to tell what was a star and what an insect.” Weber arrives at the centre of his book: “For a brief second I had stretched my head into a living space.” In his philosophical considerations, he expands his idea of aliveness or “enlivenment”: it’s about learning and feeling a universal connectedness by being sensual and about experiencing how richly the world is filled living things who are not mere machines, but interactive subjects with senses and experiences. Andreas Weber describes the inner and outer side of a love that extends itself into the sphere of all life not only eloquently but also captivating. When I flipped the last page, I felt very enriched.

Rez2jpg
In Andreas Webers “Lebendigkeit” fehlt allerdings ausgerechnet jene Dimension des Lebens, die ihm nun so sehr zur Gefahr wird: die Technologie. Das kann man von Alexander Pscheras neuem Buch “Das Internet der Tiere” nicht behaupten, in ihm geht es fast ausschließlich um Technik. Aber um Technik als neues Mittel der Naturerfahrung. Dem Buch vorangestellt ist ein Vorwort von Martin Wikelski, Direktor am Max-Planck-Institut für Ornithologie, in dem dieser eine weitreichende Hoffnung formuliert, die auch meinem eigenen Buch zugrundeliegt: Dass die Synthese von Natur und Technik zu etwas Gutem führen kann, nämlich dazu die “Welt als Ganzes durch das Zusammenspiel der einzelnen Teile zu verstehen”, wie Alexander von Humboldt es formuliert hat. Pschera beschreibt in diesem Buch, wie Sensortechnik es in zunehmenden Maß erlaubt, ein umfassendes Bild von Geschehnissen in der Natur zu bekommen, was es zum Beispiel möglich macht, dass mit Sensoren bestückte Ziegen dank ihrer Hochempfindlichkeit die Menschen vor Erdbeben warnen. Viel wichtiger ist ihm aber, dass die Sensorentechnik, millionen- und milliardenfach eingesetzt, dazu dienen kann, eine neue Perspektive einzunehmen und es zu ermöglichen, die Welt aus der Sicht von Tieren wahrzunehmen. Das entstehende “Internet der Tiere” erfüllt Pschera zufolge eine doppelte Funktion: “Auf der einen Seite objektiviert es unser Naturbild und schafft eine neue Grundlage für wissenschaftliche und ökologische Diskussionen, indem es Rohdaten sammelt, aus denen neues Wissen wird. Auf der anderen Seite macht es aus den Tieren, die wir als Objekte zu denken gewohnt sind, Subjekte mit einer eigenen Vita und einem eigenen Schicksal.” Es gehe deshalb nicht um die Rechte einer Art oder Gattung, wie sie im klassischen Naturschutz im Zentrum stünden, sondern künftig um “die individuellen Rechte des einzelnen Tiersubjekts.” Diesen Kerngedanken unterfüttert Pschera mit kundigen Exkursen über den problematischen Naturbegriff in einem Zeitalter, das Anthropozän genannt wird. (Natürlich freut es mich, dass das Thema meines ersten Buches “Menschenzeit” sich auch hier so fruchtbar entfaltet.) Er sieht eine “neue Wildnis” am wachsen, die mit Funksignalen abgesichert und von Haus-Wildtiere bewohnt wird. Für seinen Ansatz, das Heil einer neuen Natur ausgerechnet in der Technik zu suchen, hat Hilal Sezgin den Autor in der NZZ scharf kritisiert. Unverdient, wie ich meine – denn Pschera betritt hier wichtiges Neuland außerhalb eingespielter ökologischer Komfortzonen. Wer das Buch genau liest, wird sehen, dass es erstaunlicherweise ganz ähnliche Ziele verfolgt wie Andreas Webers technikfreie “Lebendigkeit”: die Natur vom Objekt zum Subjekt zu machen.

Rez3jpg
Zu verstehen, wie die Natur Objekt geworden ist, dazu leistet Nils Güttler mit seinem mehr als 500 Seiten starken Werk “Das Kosmoskop” einen wichtigen Beitrag. Der Wissenschaftshistoriker zeichnet darin nach, wie sich im 19. Jahrhundert die von Alexander von Humboldt begründete Pflanzengeographie mit einer ersten Welle von “Big Data”, erzeugt von sammeleifrigen Exploratoren in den europäischen Kolonialreichen, in Kartographien niederschlug, die einen neuartigen, nämlich zugleich globalen und wissenschaftlichen Blick auf die Erde ermöglichten. Ausgehend von Oscar Drude, einem zu Unrecht vergessenen Pionier des Felds, nimmt Güttler den Leser auf eine ausschweifende Reise durch Welt und Wissenschaft des 19. Jahrhunderts mit. Dabei wird deutlich, wie sich hinter Kartographien zugleich vielfältige Ideenwelten befinden können und zudem soziale Bewegungen. Güttler beschreibt, wie botanische Vereine des 19. Jahrhunderts den Karten erst eine sozial und epistemische Macht verliehen. Heute würde man von “citizen science” sprechen. Überhaupt hat das Buch bei näherem Hinsehen viele aktuelle Bezüge. Über Jahrzehnte hinweg galt die Geographie als “schwache” Disziplin. Mit der aufkommenden Internetbegeisterung stieg eine Weile die Abfälligkeit für die physische Welt, für Landkarten und analoge Räume. Doch inzwischen erleben wir eine nahezu komplette Geographisierung unseres Daseins in Form von Navigationsgeräten und Dienstleistungen, die von mobiler Ortung abhängig sind. Die Kontrolle über den geographischen Raum mit digitalen Mitteln steht im Fokus von Militär, Geheimdiensten und IT-Konzernen wie Google. Indem er beschreibt, wie Karten erstmals in großem Stil in die Wissenschaft eingetreten sind, legt Güttler (ohne das selbst zu thematisieren) die historischen Wurzeln dieses Prozesses frei.

Post Your Thoughts