Was ich gerade lese

– James C. Scott – The art of not being governed. An Anarchist history of South East Asia, Yale, 2011
Gehört zum Besten, was ich seit langem gelesen habe.
-S. Johnson, How we got to Now, Penguin, 2014 ++
Technologieentwicklung quergedacht – wie Buchdruck die Brille hervorgebracht hat und mehr. Aber deutsche Erfinder sucht man vergeblich
-Walter Isaacson, The Innovators, Simon&Schuster, 2014
Eine Geschichte des digitalen Zeitalters in wichtigen Akteuren
-Richard McGuire, Hier, Dumont, 2014 +++
Kaufen – genießen – unglaublich
-Niklas Maak, Wohnkomplex, Hanser, 2014
-Michel Houellebecq, Unterwerfung, Dumont, 2015 +
Keine hohe Literatur, und es ist dazu ja schon soviel gesagt worden. Houellebecq eben.
-Jhumpa Lahiri, Das Tiefland, 2014 ++
Eine fein erzählte Familiengeschichte zwischen Indien und den USA, die um soziale Ungerechtigkeit, Tradition, Verantwortung und biographische Einschnitte kreist.
-Christoph Kucklick, Die granulare Gesellschaft, 2014+++
Hervorragende Analyse des digitalen Wandels: dialektisch erzählt, äußerst klug auf viele Punkte gebracht.
-Joachim Müller-Jung, Das Ende der Krankheit, 2014++
Was ist nochmal aus den Stamzellen geworden, den bioethischen Aufregern der Jahrhundertwende?
-Maggie Jackson, Distracted, Prometheus, 2009++
Eine feinsinnige kulturelle Analyse unseres kolonisierten Bewusstseins.
-Josef Reichholf, Ornis, C.H. Beck, 2014+
Was Sie schon immer über Vögel wissen wollten, erzählt von einem Kenner.
-Sherko Fatah, Der letzte Ort, 2014 +++
Ein naiver Deutscher wird im Irak entführt – atemberaubend stark erzählter Roman über einen ganz andersartigen „Clash of cultures“
-Nick Bostrom, Superintelligence, Oxford, 2014-
Super Thema, enttäuschendes Buch
-Diane Ackerman, The Human Age, headline, 2014++
Über das Anthropozän haben Diane und ich erstaunlich verwandte Ansichten
-Dave Eggers, The Circle, 2014 —
Warum der Hype??
-Toni Mahoni, Alles wird gut und zwar morgen, 2014 +
Zwischendurch zur Aufheiterung wärmstens empfohlen, Bukowski meets Helge Schneider.
-Francois Jullien, The Silent Transformations, 2011
Muß ich erst noch verstehen
-Jörg Schindler, Stadt Land Überfluss, 2014 +
Befreiende Lektüre über den ganz alltäglichen Wahnsinn, der uns umgibt
-Pankaj Mishra, From the Ruins of Empire, 2013 +++
Wegweisende Darstellung der Kolonialzeit aus asiatischer Perspektive – ein wichtiger Schlüssel zum Verstehen der krisenreichen Gegenwart.

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Unsere Gesellschaft krankt nicht an einem Mangel an Wissen. Über den drohenden Klimawandel liegen seit vielen Jahren aussagekräftige Daten und Prognosen vor, und auch die voranschreitende Verarmung der Landschaft ist gut dokumentiert. Vor allem Naturwissenschaftler und Ingenieure hängen noch immer der Vorstellung an, es genüge, die Gesellschaft mit dem Wissen zu konfrontieren und schon komme es zu den nötigen Veränderungen. Doch diese Vorstellung ist falsch, denn unsere Gesellschaft krankt an einem Mangel an Beziehung zu dem, um was es geht, dem Leben an sich. An diesem Punkt setzt Andreas Webers Buch „Lebendigkeit“ an, frisch erschienen im Kösel-Verlag. Der Untertitel lautet: „Eine erotische Ökologie“. Das Wort Erotik ließ mich einen Moment zusammenzucken. Doch dann fragte ich mich, warum ich die allgegenwärtige Darstellung halbnackter Frauen in der Werbung für normal halten soll, nicht aber das Wort „Erotik“ in Nachbarschaft zum „Leben“. Ich erinnerte mich, dass es von meinem eigenen neuen Buch (Die analoge Revolution) nun manchmal heißt, es habe „esoterische“ Passagen, was ein sehr billiges Urteil ist. In dem, was uns esoterisch erscheint, kann wirklich Quacksalberei stecken – oder aber eine neue, ungewohnte, aber horizonterweiterende Sicht. Vor 200 Jahren wäre vermutlich auch jemand, der von elektromagnetischen Wellen sprach, als Esoteriker bezeichnet worden. Weber entkräftet gleich zum Einstieg Mißverständnisse und erklärt seine Intention: Es geht ihm um die „fundamentale Erotik, von der Welt berührt zu sein und diese zu berühren“, um den „Drang zu sich selbst und zur Fülle“ der Wirklichkeit. Und so beginnen seine „Liebensgeschichten“, die in wunderschönem Erzählfluß zwischen persönlichen Erfahrungen und philosophischen Betrachtungen mäandern. In den persönlichen Passagen erzählt Weber von Streifzügen entlang eines Baches in Italien, an dem sich ihm ein Spektakel funkelnder Kristalle bietet und von Abenden auf surrenden Wiesen. Dort „mischte sich das Licht der Glühwürmchen mit den Silberpunkten der Himmelskörper im dunklen Weltall, sodass verschwamm, was Stern war und was Leuchtinsekt. Er wirkte, als würden die Sterne zwischen die Halme sinken und die glimmenden Tiere ins All emporsteigen.“ Weber führt mit diesen Schilderungen zum Zentrum seines Buchs: „Für eine kurze Sekunde hatte ich meinen Kopf in einen lebenden Weltraum hinausgestreckt.“ In den philosophischen Betrachtungen breitet er seine Idee von Lebendigkeit anschaulich aus: es geht darum, sein eigenes universelles Verbundensein sinnlich zu erfahren und zu erleben, wie reich gefüllt die Welt mit Lebewesen ist, die keine bloßen Automaten sind, sondern selbst sinnliche, erfahrende, wechselwirkende Subjekte. Die Fähigkeit zu lieben jenseits von Paarbeziehungen in die Biosphäre auszuweiten, sie wieder zu fühlen und wahrnehmen zu lernen, wie Lebendigkeit uns nicht nur umgibt, sondern ausfüllen kann, das beschreibt Andreas Weber nicht nur eloquent, sondern auch mitreißend, so dass ich mich, als ich die letzte Seite umblätterte, sehr bereichert fühlte.

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In Andreas Webers „Lebendigkeit“ fehlt allerdings ausgerechnet jene Dimension des Lebens, die ihm nun so sehr zur Gefahr wird: die Technologie. Das kann man von Alexander Pscheras neuem Buch „Das Internet der Tiere“ nicht behaupten, in ihm geht es fast ausschließlich um Technik. Aber um Technik als neues Mittel der Naturerfahrung. Dem Buch vorangestellt ist ein Vorwort von Martin Wikelski, Direktor am Max-Planck-Institut für Ornithologie, in dem dieser eine weitreichende Hoffnung formuliert, die auch meinem eigenen Buch zugrundeliegt: Dass die Synthese von Natur und Technik zu etwas Gutem führen kann, nämlich dazu die „Welt als Ganzes durch das Zusammenspiel der einzelnen Teile zu verstehen“, wie Alexander von Humboldt es formuliert hat. Pschera beschreibt in diesem Buch, wie Sensortechnik es in zunehmenden Maß erlaubt, ein umfassendes Bild von Geschehnissen in der Natur zu bekommen, was es zum Beispiel möglich macht, dass mit Sensoren bestückte Ziegen dank ihrer Hochempfindlichkeit die Menschen vor Erdbeben warnen. Viel wichtiger ist ihm aber, dass die Sensorentechnik, millionen- und milliardenfach eingesetzt, dazu dienen kann, eine neue Perspektive einzunehmen und es zu ermöglichen, die Welt aus der Sicht von Tieren wahrzunehmen. Das entstehende „Internet der Tiere“ erfüllt Pschera zufolge eine doppelte Funktion: „Auf der einen Seite objektiviert es unser Naturbild und schafft eine neue Grundlage für wissenschaftliche und ökologische Diskussionen, indem es Rohdaten sammelt, aus denen neues Wissen wird. Auf der anderen Seite macht es aus den Tieren, die wir als Objekte zu denken gewohnt sind, Subjekte mit einer eigenen Vita und einem eigenen Schicksal.“ Es gehe deshalb nicht um die Rechte einer Art oder Gattung, wie sie im klassischen Naturschutz im Zentrum stünden, sondern künftig um „die individuellen Rechte des einzelnen Tiersubjekts.“ Diesen Kerngedanken unterfüttert Pschera mit kundigen Exkursen über den problematischen Naturbegriff in einem Zeitalter, das Anthropozän genannt wird. (Natürlich freut es mich, dass das Thema meines ersten Buches „Menschenzeit“ sich auch hier so fruchtbar entfaltet.) Er sieht eine „neue Wildnis“ am wachsen, die mit Funksignalen abgesichert und von Haus-Wildtiere bewohnt wird. Für seinen Ansatz, das Heil einer neuen Natur ausgerechnet in der Technik zu suchen, hat Hilal Sezgin den Autor in der NZZ scharf kritisiert. Unverdient, wie ich meine – denn Pschera betritt hier wichtiges Neuland außerhalb eingespielter ökologischer Komfortzonen. Wer das Buch genau liest, wird sehen, dass es erstaunlicherweise ganz ähnliche Ziele verfolgt wie Andreas Webers technikfreie „Lebendigkeit“: die Natur vom Objekt zum Subjekt zu machen.

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Zu verstehen, wie die Natur Objekt geworden ist, dazu leistet Nils Güttler mit seinem mehr als 500 Seiten starken Werk „Das Kosmoskop“ einen wichtigen Beitrag. Der Wissenschaftshistoriker zeichnet darin nach, wie sich im 19. Jahrhundert die von Alexander von Humboldt begründete Pflanzengeographie mit einer ersten Welle von „Big Data“, erzeugt von sammeleifrigen Exploratoren in den europäischen Kolonialreichen, in Kartographien niederschlug, die einen neuartigen, nämlich zugleich globalen und wissenschaftlichen Blick auf die Erde ermöglichten. Ausgehend von Oscar Drude, einem zu Unrecht vergessenen Pionier des Felds, nimmt Güttler den Leser auf eine ausschweifende Reise durch Welt und Wissenschaft des 19. Jahrhunderts mit. Dabei wird deutlich, wie sich hinter Kartographien zugleich vielfältige Ideenwelten befinden können und zudem soziale Bewegungen. Güttler beschreibt, wie botanische Vereine des 19. Jahrhunderts den Karten erst eine sozial und epistemische Macht verliehen. Heute würde man von „citizen science“ sprechen. Überhaupt hat das Buch bei näherem Hinsehen viele aktuelle Bezüge. Über Jahrzehnte hinweg galt die Geographie als „schwache“ Disziplin. Mit der aufkommenden Internetbegeisterung stieg eine Weile die Abfälligkeit für die physische Welt, für Landkarten und analoge Räume. Doch inzwischen erleben wir eine nahezu komplette Geographisierung unseres Daseins in Form von Navigationsgeräten und Dienstleistungen, die von mobiler Ortung abhängig sind. Die Kontrolle über den geographischen Raum mit digitalen Mitteln steht im Fokus von Militär, Geheimdiensten und IT-Konzernen wie Google. Indem er beschreibt, wie Karten erstmals in großem Stil in die Wissenschaft eingetreten sind, legt Güttler (ohne das selbst zu thematisieren) die historischen Wurzeln dieses Prozesses frei.

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