Wann verstehen
wir Bewusstsein?

IMG_5654Bei der Falling-Walls-Konferenz habe ich am 9. November eine Diskussion zwischen Christof Koch, dem wissenschaftlichen Leiter des Allen Institute for Brain Science in Seattle, und Onora O’Neill, Philosophin und Politikwissenschaftlerin an der University of Cambridge, moderiert. Christopf Koch, über den ich kürzlich eine GEO-Titelgeschichte geschrieben habe und der auch in meinem neuen Buch „Die analoge Revolution“ eine Rolle spielt, hatte zuvor in seinem 15-minütigen Plenarvortrag die Grundzüge seiner Forschung vorgestellt. Bewußtsein definierte er dabei als „rise of experience“, also als Phänomen inneren Erlebens, wozu „Sehen, Hören, Erinnern, alle inneren Erfahrungen“ gehören, nicht zu verwechseln mit Selbst- oder Ich-Bewusstsein, das aus seiner Sicht nur einen kleinen Ausschnitt des gesamten Bewußtseins darstellt. Zusammen mit Francis Crick, dem Mitentdecker des Erbmoleküls DNS, machte Koch sich früh auf die Suche nach „neuronalen Korrelaten“ des Bewußtseins, wobei am Anfang unklar war, ob man nach einzelnen Neuronen suchen soll, nach speziellen Gehirnarealen, nach bestimmten Typen von Neurotransmittern oder nach bestimmten synchronisierten Vibrationen. Zu den Zwischenergebnissen gehört, dass Bewusstseinsprozes im Cortex stattfinden, nicht aber im Kleinhirn, obwohl dieses einen Großteil der Neuronen des Gehirns enthält. Koch nähert sich dem Bewusstsein wissenschaftlich von zwei Seiten: bottom-up durch die straff organisierte Forschung am Allen-Institut, wo Open-Source-Atlanten von Gehirnen entstehen und lebendige Gehirnstücke auf ihre Verdrahtungen untersucht werden („in einem rosinengroßen Stück befinden sich eine halbe Million Neuronen, vier Milliarden Synapsen und zehn Kilometer Leitungen“). Und Top-down durch die Kooperation mit Giulio Tononi bei der Entwicklung der „Integrated Information Theory„, die Bewusstsein als „grundlegende Eigenschaft hoch organisierter Materie“ behandelt, wie Masse und Energie, etwas, das also grundsätzlich auch „Föten, Vögel, Bienen und iPhones“ teilen könnten. Koch gab sich kämpferisch: „Ich will dieses Problem verstehen, bevor ich sterbe.“ Bei der anschließenden Forum-Diskussion im „Silent-Disco-Format“ stellte das Publikum tolle Fragen, zum Beispiel: Ist Bewusstsein wirklich an ein „Ich“ gebunden? Koch glaubt Ja, und sprach spezifischer vom Cortex, seine Podiumspartnerin Onora O’neill dagegen verwies darauf, wie eng das Gehirn mit dem gesamten Körper verbunden sei und wie sehr es einer sozialen Sphäre bedürfe, um das zu entwickeln, was wir dann Bewusstsein nennen. Zum Abschluss vertauschten die beiden ihre Rollen: Koch forderte das Publikum auf, sich mit dem Philosophen Teilhard de Chardin zu befassen, und die Philosophin O’Neill stellte eine sehr technische Forderung in den Raum: sie macht sich Sorgen, dass eine anonyme künstliche Intelligenz mit Bewusstsein entstehen und in das menschliche Leben eingreifen könnte. Wenigstens anonym sollte sie nicht sein, weshalb zum Beispiel jede Drohne einen „individuellen Identifikator“ brauche…
Falling Walls 2014Berlin, Radialsystem
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